11. September 2022

Raus aus der Geschichte – rein in die Geschichte!

Ein Methodentipp zum Philosophieren mit Bilderbüchern von Eva Stollreiter

Zu unserem Jahresthema »Wer bin ich? Wie bin ich? Was bin ich?« haben wir Bilderbücher ausgesucht, mit denen man über unterschiedliche Aspekte von Identität philosophieren kann: Über Herkunft, Zugehörigkeit, eigene Wünsche, Bedürfnisse, Fähigkeiten, Selbst- oder Fremdwahrnehmung und vieles mehr.

 

Im Zentrum stehen in diesem Beitrag das »Anderssein«, also das Philosophieren über Identität und Diversität, sowie die Möglichkeit, über das Herauslösen von Figuren aus dem jeweiligen Bilderbuch eine philosophische Gesprächsrunde zu eröffnen. Diese »Dekontextualisierung« kann, gekoppelt an passende Impulsfragen, die Rolle von Kontext und Perspektive für die Wahrnehmung, Einordnung und auch Bewertung von Personen bzw. Identitäten herausstellen, also den Umstand, dass Eigenschaften nichts Absolutes sind, sondern etwas Relationales.

 

So verweist der Begriff »groß« (oder die Bewertung »zu groß«) zurück auf das Umfeld des Gegenstands oder einer Figur, in dem viele oder alle anderen »kleiner« sind. Er verweist aber auch auf uns als denkende Subjekte, die den Gegenstand wahrnehmen und ins Verhältnis zu anderen setzen.

 

Beim gemeinsamen Philosophieren können wir das Staunen darüber in Gang setzen, indem wir Figuren aus dem Buch herauslösen, also von ihrem literarischen Kontext befreien. Sie können dadurch vor der Lektüre der Geschichte für sich auftreten und wahrgenommen werden. An das Doppelbild, das sich daraus von der Figur ergibt, können wir beim Philosophieren anknüpfen.

 

Wie dies in der Praxis aussehen kann, zeigt die Gedankenflieger-Praxis mit Ximo Abadias Werk »Goliath. Der Junge, der ein bisschen anders war« sowie dem Bilderbuch »Roberta und Henry« von Jory John, illustriert von Lane Smith. Beide Werke haben das Anderssein zum Thema.

 

In Goliath erscheint die Hauptfigur von Beginn an »anders«, weil sie nicht nur »groß« ist, sondern vor allem viel »größer« als alle anderen. Das Buch erzählt von Goliaths Suche nach seinem Platz in der Welt, einem Ort, an dem er so ist »wie alle anderen« und dazugehört. Seine Suche führt ihn nach einem Moment beeindruckender Selbstakzeptanz (»Ich musste andere finden, die so groß sind wie ich«), der auch auf dem Titel abgebildet ist, in die Welt hinaus und schließlich zu der Erkenntnis, dass nicht das Größer oder Kleiner entscheidet, sondern die Einzigartigkeit jedes Menschen und das, was andere in ihm sehen: »Wer auch immer mich anschaut, sieht etwas anderes« Er kehrt zurück nach Hause, nachdem er begreift, dass Einzigartigkeit zugleich das ist, was alle verbindet (»Niemand ist so wie ich! … Wir sind alle unterschiedlich.«).

 

Goliath lässt sich aufgrund der flächigen Illustrationen von Ximo Abbado leicht auf großen, roten Fotokarton übertragen und ausschneiden. Als Vorlage eignet sich die imposante und ausdrucksstarke Abbildung der Figur auf dem Titel. Bei der Übertragung auf Karton ist eine weitere Vergrößerung hilfreich, aber nicht zwingend. Grundsätzlich ist auch die Arbeit mit Farbkopien möglich.

 

Den Einstieg ins Gespräch bildet die unkommentierte Präsentation der Figur, ohne Nennung des Namens, um auch den Bezug auf die legendäre Figur Goliath auszublenden. Nach einer Phase der phänomenologischen Beschreibung können die Schülerinnen und Schüler Spekulationen über den Charakter und die Rolle anstellen, die die Figur in einer Geschichte einnehmen könnte. Die Pose Goliaths, das Verhältnis zwischen Kopf und Körper, die Farbe Rot usw. bieten hierzu reichlich Anlass. Für die schrittweise Rückführung der Figur in die Geschichte kann Goliath daraufhin in geschlossener Körperhaltung und zuletzt in Gesellschaft der winzig wirkenden Mitschülerinnen und Mitschüler gezeigt werden (für Kopien bietet sich die vorletzte Seite der Geschichte an). Der letzte Schritt erzeugt Erstaunen und wirft Fragen über den vermeintlich »starken« Helden auf, die in der gemeinsamen Lektüre geklärt werden können.

Das genaue Hinsehen, das Vollziehen und Formulieren eigener, differenzierter Wahrnehmungen und die Reflexion über die Figur noch vor dem Lesen der Geschichte erfordert Zeit, ist aber äußerst lohnend. Außerhalb der Lektüre fällt die Beschreibung der Figur deutlich facettenreicher aus, da sie den individuellen Perspektiven der philosophierenden Kinder mehr Raum gibt. Diese können Goliath als »mächtig«, »wütend« oder »bedrohlich« beschreiben, aber auch als »väterlich«, »imposant«, »heldenhaft«, »siegreich oder »kraftvoll«, je nachdem, welche eigenen Erfahrungen sie mit seinem Erscheinen verbinden. Der Vorher-Nachher-Effekt verdeutlicht die Rolle des Kontextes und vergleichenden Wahrnehmung. Er schafft überdies ein tieferes Verständnis für die Problemlage von Goliath, die sich auch daraus ergibt, dass er selbst sich mit anderen vergleicht.

 

Das Philosophieren eröffnet hier die Chance, über die Rolle des Umfelds für das eigene Gefühl von Zugehörigkeit und schließlich auch unser eigenes Urteilen zu reflektieren. Eine kontroverse Debatte bietet sich bezüglich des Endes der Geschichte an, beispielsweise anhand der Frage, ob die Kinder Goliaths »Lösung« des Problems überzeugt. Sie ermöglicht die individuelle und kritische Positionierung des einzelnen Kindes und ein grundsätzliches Nachdenken über Diskriminierung, Vorurteile und Inklusion.

 

Ein ähnliches Vorgehen ist bei »Roberta und Henry« möglich, wobei sich hier die Isolierung und Zusammenführung einer ganzen Figurengruppe anbietet. Die Figuren lassen sich photokopieren und ausschneiden, sodass den Teilnehmenden die ganze Schar der Tiere aus der Geschichte in ihrer Diversität vorliegt. Die Lehrkraft kann aus den Kopien mehrere Sets herstellen, sodass die Kinder sich in Gruppenarbeit mit ihrer Tiergruppe beschäftigen und auseinandersetzen können. Ein erprobter Aufhänger kann dabei die Frage sein, welches Tier den »tollsten Hals« hat, ohne klare Kriterien für das Werturteil »am tollsten« zu benennen (eine Übersetzung kann ggf. lauten »irgendwie am besten«). In den Gruppenarbeiten geht es bei dieser Frage somit nicht nur um den Versuch einer Bewertung, sondern vor allem um das Herausarbeiten der Kriterien und damit die Schwierigkeit der Entscheidung für einen »tollsten Hals«, die von allen getragen wird. Die Kinder sind dazu aufgefordert, mit den diversen Einschätzungen in der Gruppe umzugehen.

 

Dabei kann sich, wie in einer Runde im Literaturhaus Berlin geschehen, ein Team auch der Kürung des »tollsten Halses« kritisch verweigern und auf übergeordneter Ebene gegen die Aufgabenstellung argumentieren. Ein guter Moment, um diese zu hinterfragen und die Schwierigkeiten zu benennen, die sie erzeugt.

 

Zusammenfassend können wir festhalten, dass die Dekontextualisierung von Figuren aus ihrem literarischen Umfeld die – oft reflexhafte – Zuschreibung von Eigenschaften und »Anderssein« infrage stellt. Sie bietet zugleich die Chance, über das Denken und Wahrnehmen selbst nachzudenken, was eine zentrale Aufgabe der Philosophiedidaktik darstellt.