30. März 2025

Mutig in Salzgitter

mit Stefanie Segatz und Ulrike Jänichen.

Mit druckfrischen Magazinen und zwei neuen Buchtiteln starten wir in die Überlandtour in Salzgitter ins zweite Jahr mit der Frage »Was bedeutet Mut?«. Für uns als Philoty ist es immer wieder eine große Bereicherung, wenn unsere Teams sich mischen – jede und jeder bringt seine eigenen Ansätze und Methoden mit ein – »Gedankenfliegen« ist auch für uns ein stetiges Lernen und Wachsen. So beginnt die Tour in Salzgitter mit einem Team Hamburg-Halle. Stefanie Segatz und Ulrike Jänichen besuchen die Grundschulen in Salzgitter Salder, Ostertal und Steterburg.

 

Salder ist ein beschaulicher und dörflicher kleiner Stadtteil, geprägt vom Renaissance-Schloss und einer schönen barocken Schlosskirche. Ganz in der Nähe liegt die kleine Grundschule, eine Außenstelle der Grundschule Ostertal, die wir am nächsten Tag besuchen werden. Die Klasse 3s erwartet uns bereits neugierig. Worum es hier heute mit den »Gedankenfliegern« gehen soll, können sie nur raten. Auf jeden Fall um Gedanken, also um das, was man denkt.

 

»Manchmal ist es schwierig, zu sagen, was man denkt«, stellt Sahin fest. Genau darum geht es uns: Das eigene Denken bewusst zu erleben und Worte für sich zu finden. So ist Philosophieren mit den »Gedankenfliegern« auch immer ein Bemühen um Sprache und Ausdruck und darum, Verständigung zu fördern, bzw. die Freude daran zu wecken. Nach einer kleinen Einführung ins Philosophieren und der Vorstellung unserer philosophischen Frage zum Thema Mut erwartet die Kinder eine überraschende Methode: Ulrike hat bunte Spachtel mitgebracht, die mit einem kleinen Loch in der Mitte versehen sind. Dieser Strauß wird im Kreis herumgegeben und jedes Kind eingeladen, eine Farbe zu wählen und kurz eine Situation zum Thema »Mut« zu schildern. Stellvertretend für dieses Erlebnis steckt jedes Kind ein passendes Hölzchen auf ein Stäbchen in der Mitte der Runde. So entsteht mit der Zeit ein buntes Gebilde. Ganz anschaulich werden so Erfahrungen visualisiert und lassen in ihrer Unterschiedlichkeit ein neues Gebilde entstehen, in dem sich die Klasse wiederfindet. »Eine Mutblume!«, benennt es Emir. Aber warum sind wir überhaupt mutig? »Weil wir herausfinden wollen, was unsere Stärken und Schwächen sind«, antwortet Collin.

 

Mit der Bilderbuchgeschichte »Dunkel« von Lemony Snicket und Jon Klassen fürchten wir uns dann gemeinsam vor dem Dunkel – eine Situation, die auch jedes Kind in Salder kennt. Keller und Höhlen sind Orte, in denen einen der Mut schon einmal verlassen kann. Und gemeinsam finden wir aus unseren Ängsten vor dem Unbekannten hinaus und freuen uns mit dem Protagonisten Leo, der mutig seine Selbstwirksamkeit entdeckt.

Im »Gedankenflieger«-Magazin kann anschließend jedes Kind für sich seinem eigenen Empfinden für Mut noch einmal nachspüren und colorierend verorten, wo es körperlich Mut und Angst empfindet. Erstaunlich ist, dass sich für manche Kinder Mut und Angst fast ähnlich anfühlen, für andere jedoch sehr unterschiedlich. Mut kann in den Händen stattfinden, im Bauch oder auch im Kopf, Angst sitzt oft wie ein dicker Kloß im Hals, kann aber auch den Schritt schwer machen. Darum malt Margarete ihrer Figur sehr große schwarze Füße. Zum Abschluss gibt es noch einmal kleine bunte Holzstäbchen, die an die Mutblume angelegt werden dürfen. »Wofür wünscht du dir Mut?«, lautet die eine Frage, »Wem wünschst du Mut?« die andere. Und mit vielen guten Mutwünschen verabschieden wir uns von der Klasse 3c und eilen flugs nach Ostertal.

 

Obwohl viele Kinder am Standort Ostertal noch nicht ganz sicher mit der deutschen Sprache umgehen können, bleibt doch eines klar: mutig war jede und jeder schon einmal und hat eigene Gedanken zur Frage: Was bedeutet Mut? »Wenn man sich wehren kann, ohne sich zu schlagen, mit Reden.«, »Wenn jemand sagt: »Schön, dass es Dich gibt!«, das macht mir Mut.«, »Mut braucht Vertrauen.«, aber auch »Vertrauen haben braucht Mut.«, »Mut und Angst gehören zusammen.« und »Aus Wut kann Mut werden.«

Und es zeigt sich einmal wieder, wie dankbar das Philosophieren mit Bilderbüchern gerade vor dem Hintergrund von Problemen mit Sprachsicherheit ist. Die Bilder geben vielfältigste Möglichkeiten der Geschichte zu folgen und sich am Gespräch zu beteiligen. Beim Beschreiben des Gesehenen finden sich die Worte leichter als in der großen Diskussionsrunde und im gemeinsamen Betrachten einer konkreten Handlung erschließen sich philosophische Erkenntnisse ganz nah an lebensnahen Phänomenen. Für uns ist es heute das Buch »Tina hat Mut« von Tatia Nadareischwili, das mit seinen poetischen Bildern in besonderen Farben von einer mutigen Suche erzählt, die Tina am Ende einen neuen Freund finden lässt.

 

Am zweiten Tag heißt es auch für uns Referentinnen mutig zu sein. Die beiden Gruppen heute sind besonders groß: 31 Kinder pro Runde mit einem noch unerprobten Buch, einer neuen Methode im Gepäck und das alles unter der Beobachtung von Presse, Radio und Förderer Lionsclub Salzgitter.

 

Wie ermöglichen wir es, dass sich auch in diesen großen Gruppen alle Kinder am Mitdenken beteiligen können, dass möglichst wenige den Denkfaden verlieren und wir die Bedeutung von Mut facettenreich betrachten können?

Dabei helfen uns heute Maus und Löwe. Nach einem ersten Austausch zum Thema Mut und der Frage »Wer oder was ist für euch mutig und warum?« bitten wir die Kinder, sich zu entscheiden: »Wärst Du gern ein Löwe oder wärst Du gern eine Maus?« Nach einem kurzen Innehalten für diese Entscheidung, ganz für sich, ohne Austausch mit dem Freund oder der Freundin sortieren sich die Kinder dann im Sitzkreis neu in Gruppe Löwe und Gruppe Maus. Nun entsteht ein reger Austausch über die Gründe ihrer Wahl, darüber, was »ihre« Tiere besonders macht und ganz schnell kommen wir so vom Eigenen zum Reflektieren dessen, was die anderen sagen und dazu, sich auch einmal in die Rolle des Gegenüber zu denken.

 

Spannend ist, dass sich in beiden Klassen die Verhältnisse ganz anders mischen und wie sich der Austausch im Gespräch entwickelt. In Runde eins gibt es eine sehr große Löwengruppe, der es sehr wichtig ist, scharfe Zähne und spitze Krallen zu haben, die Mäuse sind sehr froh, flink und klein zu sein, um sich gegebenenfalls schnell verstecken zu können.

In Gruppe zwei hingegen sind es viel mehr Mäuse, die sehr selbstbewusst für ihr Maus-Sein eintreten, gleichzeitig aber auch von sich aus viele Argumente für die Sichtweise der Löwen einbringen.

Im Gespräch stellen wir schnell fest, dass es viele Eigenschaften gibt, die sich ähneln, vielleicht nur in den Relationen unterscheiden, dass scheinbare Vorteile je nach Situation auch schnell zum Nachteil werden können und wie all das unsere Wahrnehmung von Mut und Mutig-Sein verändert.

 

Wichtig für uns als Moderierende ist es, alle Fragen möglichst offen und so wertungsfrei wie möglich zu stellen. Löwen und Mäuse stehen sich nicht als Gegner gegenüber, jede Entscheidung ist fein, es geht nicht darum, sich im Wettbewerb zu beweisen, wer mutiger und mächtiger ist. Im Vordergrund stehen Hinterfragen und Abwägen, wir wollen zeigen, wie die Perspektiven der anderen uns helfen, gemeinsam weiterzudenken. Dazu gehört es auch, keine Klischees über die beiden Tiere mit einzubringen, sondern vielmehr aufkommende Gemeinplätze immer wieder mit leichtem Augenzwinkern zu hinterfragen. (Löwen sind groß, aber wisst ihr eigentlich, wieviele Mäuse es auf der Erde im Vergleich zu Löwen gibt?)

 

Und so entwickelt sich das Entweder-Oder der Entscheidung zu Beginn bereits im Verlauf des Gespräches bei vielen Kindern hin zu einem Und-Auch.

Nach so viel Denken braucht es Bewegung und alle Kinder dürfen nun als Löwen und Mäuse den Raum erkunden: Schleichen, Flitzen, Fauchen, Krallen zeigen, Sich-Verstecken … wieder Auftauchen, denn unser Löwe ist nicht gefährlich.

 

So tauchen wir nun im Anschluss ein in die Geschichte »Der Löwe in mir« von Rachel Bright und Jim Field. Darin wünscht sich die kleine unscheinbare Maus so groß und mächtig wie der Löwe zu sein und hofft dadurch Beachtung und viele Freunde zu finden. Dabei helfen kann ihr aber nur der Löwe und am Ende der Geschichte haben sich die Verhältnisse von Mut und Anerkennung ganz neu gemischt.

 

Ulrike Jänichen, Stefanie Segatz