
26. Mai 2026
»Gedankenflieger« im Landgericht Halle
am 9. und 20.01.2026 mit Wiebke Fötsch und Ulrike Jänichen. Fotos: Matthias Ritzmann.
Schneefälle haben an diesem Morgen alle auf langsam geschaltet: Autos, Straßenbahnen und Menschen, die über verschneite Gehwege balancieren. Zwei dritte Klassen haben sich mutig auf dieses Winterabenteuer eingelassen, um mit uns auf einen ganz besonderen »Gedankenflug« zu gehen.
Wir sind verabredet mit einer Richterin im Landgericht Halle und wollen gemeinsam herausfinden, wie viel Mut es für Gerechtigkeit braucht. Wir treffen uns vor dem imposanten Gebäude und können schon an der Fassade hoch oben Justitia, Weisheit und Wahrheit mit ihren Symbolen entdecken. Zwei sich streitende Drachen werden von den Ranken der Gesetze genauso gehalten, wie ein (Angst-)Hase und ein (Unglücks-)Rabe.
Regeln und Gesetze sollen uns Sicherheit geben und um Sicherheit geht es auch am Einlass, wo alle eine strenge Kontrolle durchlaufen müssen. Warum das nötig ist, klären die Kinder mit dem Wachpersonal an der Taschenkontrolle.
Das große Foyer des Gerichts ist beeindruckend und imposant: Reich und bunt verziert stellt sich unweigerlich die Frage, warum ein Ort der Rechtssprechung so kunstvoll gestaltet und ihm damit so viel Wert gegeben wurde?
Braucht es Mut, hierher zu kommen? Als Schuldige(r) sicher, da sind sich alle einig. Das Gefühl, etwas Unrechtes getan zu haben, kennen dann doch alle ein bisschen. Da hat man Sorge vor Konsequenzen. Aber wie geht es denen, die als Zeugen oder Zeuginnen, als Geschädigte kommen, brauchen auch sie Mut, hier zu sein?
Im oberen Foyer finden wir Justitia wieder über der Tür zum Gerichtssaal. Wofür standen noch einmal die Waage und das Schwert? Und hier können wir nun auch ihre verbundenen Augen sehen. Wer nichts sieht, hört genauer hin – auf Aussagen und Beweise, macht keinen Unterschied zwischen Bürgermeister und Verkäuferin und kann auch nicht den guten Freund besser bewerten als andere. Wer durch diese Tür geht, ist im besten Fall vor dem Gesetz gleich gestellt.

»Wenn ich blind bin und nichts sehe, dann höre ich nur und es ist egal, wer da vor mit steht. Ich entscheide nicht, weil ich denjenigen mag.«
Georg, 9 Jahre
Wahrheit und Weisheit flankieren eine weitere Tür. Der Spiegel der Weisheit zeigt dir dein Gesicht, dich selbst kannst du nicht anlügen. Wieviel Mut braucht es, die Wahrheit zu sagen und für sie einzustehen, einen Fehler zuzugeben oder als Zeuge auszusagen?
Hinter der Tür liegt der historische Gerichtsaal, hier probieren die Kinder, wie es ist, am Platz der Zeugen oder Beschuldigten zu sitzen. Gemeinsam mit der Richterin denken wir darüber nach, wie das eigentlich ist, zu entscheiden, was »gut« oder »böse«, was »richtig« und was »falsch« ist und woher man weiß, wie eine gerechte Entscheidung zu treffen ist?
Und wie kommen die Gesetzte eigentlich in das Gesetzbuch? Nicht die Richterin, wie erst vermutet, schreibt sie da hinein und es können auch nicht alle Bewohner und Bewohnerinnen eines Landes jedes Gesetz diskutieren, und doch haben alle indirekten Einfluss. Es gib Wahlen, bei denen wir alle als Gesellschaft darüber entscheiden, wer welche Gesetze für uns macht.

Und sie sind wichtig, denn »ohne Regeln und Gesetze gäbe es Chaos, ganz einfach«.
Aber sind dann automatisch alle Regeln und Gesetze auch gut? Dass es verboten ist, auf dem Schulhof Schneebälle zu schießen, finden alle doof – da können sogar die Lehrerin und die Richterin zustimmen. Und doch macht die Regel Sinn, denn niemand soll durch einen harten Wurf verletzt werden. Also gibt es auch Regeln und Gesetze, die uns einschränken, keinen Spaß machen und trotzdem halten wir uns daran, weil wir ihren Wert erkennen, weil sie unser Zusammenleben ordnen und schützen.
Welche Gründe könnte es geben, ein Gesetz zu brechen? Ein Kind meint: »Wenn jemand das Geld dringend braucht und in einer Not ist.« Wir erfahren, dass auch die Gründe für eine Tat ausschlaggebend sind, wie über eine Strafe entschieden wird. Das ist nicht immer einfach, nicht immer reicht das Gesetzbuch, dann sind Wahrheit und Weisheit besonders gefragt und (so verrät uns die Richterin) manchmal fragt sie sich auch einfach »Wie hätte meine Oma jetzt entschieden?«
Hier wird sichtbar, dass auch Richter und Richterinnen Mut brauchen, um das Gesetz angemessen, gerecht und sinnvoll, je nach den Umständen der Straftat auszulegen, weil sie dies rechtfertigen müssen und dafür auch angegriffen werden können.
Ulrike Jänichen
















