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10. Juni 2026

Über den Dächern der Franckeschen Stiftungen:

»Gedankenflieger« – Philosophieren mit Kindern an besonderen Orten.

An einem verschneiten Januarmorgen versammeln sich zwei Schulgruppen vor dem Haupteingang der Franckeschen Stiftungen in Halle. Die Kinder schauen sich um, manche neugierig, manche noch zurückhaltend. Bevor es losgeht, bleibt Zeit für eine einfache Frage: Wo sind wir hier eigentlich – und warum gibt es diesen Ort?

 

Die Franckeschen Stiftungen erzählen von einer Idee, die vor über dreihundert Jahren ihren Anfang nahm. August Hermann Francke wollte allen Kindern Bildung ermöglichen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Schicksal. Aus dieser Idee wuchs zunächst ein Waisenhaus, später ein ganzes Ensemble von Lern- und Lebensorten. Dass aus einem Gedanken etwas so Greifbares entstehen kann, bildet den Ausgangspunkt für das gemeinsame Philosophieren an diesem Vormittag.

 

Der Rundgang führt über das Krokoseum in das historische Klassenzimmer des Waisenhauses. Alte Schulbänke, Unterrichtspläne und Gläser mit Präparaten erzählen vom Lernen vergangener Zeiten. Das Besondere: Bildung war zu Franckes Zeiten ein Privileg und insbesondere Waisenkinder mehrheitlich davon ausgeschlossen. Auf einem Stundenplan lassen sich Fächer wie Latina und Theologia entdecken – Begriffe, die zunächst fremd wirken. Statt sie zu erklären, nähern wir uns ihnen gemeinsam.

 

In Theologie steckt ein Name: Theo. Ein Junge aus der Klasse meldet sich sofort und erzählt, dass sein Name »der Göttliche« bedeutet. So wird Theologie als Lehre vom Glauben und von religiösen Vorstellungen verständlich. Auch im Wort Philosophie verbergen sich Namen. Phil steht für den Freund, Sophie für die Weisheit. Philosophie lässt sich so als Freundschaft mit der Weisheit beschreiben – oder als die Kunst und Wissenschaft des Denkens. Die Kinder überlegen, was Weisheit für sie bedeuten könnte: Wissen über die Vergangenheit, Vorstellungen von der Zukunft und die Frage, wie ein gutes Leben aussehen kann.

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Auf der Dachterrasse öffnet sich der Blick über das Gelände der Franckeschen Stiftungen. Von hier aus wird sichtbar, wie groß das Projekt geworden ist, das einst mit der Idee eines einzigen Menschen begann. Die Kinder überlegen, was es gebraucht haben könnte, um ein solches Vorhaben umzusetzen. Geld wird genannt, doch das ist nicht alles. Die Frage, wie die Menschen in Halle damals auf Franckes Pläne reagiert haben, führt zu Gesprächen darüber, dass neue Ideen selten sofort Zustimmung finden und es vor allem Mut braucht, um gute Einfälle trotz Widerständen umzusetzen.

 

Um seinen Schülerinnen und Schülern ein möglichst vielfältiges Bild der Welt zu vermitteln, legte Francke eine Naturalienkammer an – Anfassen und Erforschen war mals ausdrücklich erlaubt. In dieser Wunderkammer verändert sich unser Blick erneut. Zwischen Objekten aus verschiedenen Teilen der Welt entdecken die Kinder ein großes Planetenmodell. Schnell fällt auf, dass hier etwas nicht stimmt: Die Sonne dreht sich um die Erde. Die Kinder wissen, dass es heute anders erklärt wird. Im Raum wird deutlich, dass Wissen sich verändert und dass Beobachtung und genaues Hinschauen notwendig sind, um bestehende Vorstellungen zu überprüfen. Neben dem Modell steht ein großes Schiff. Es gibt Anlass, über Seefahrer zu sprechen, über Orientierung, über das Unterwegssein und darüber, wie Menschen sich die Welt erschlossen haben.

 

Daran knüpfen wir im Krokoseum mit dem Bilderbuch »Das ist doch kein Beruf für einen Wolf« an. Die Geschichte von Isa, die Kapitänin werden will, bildet einen bewussten Übergang aus der historischen Umgebung in die Lebenswelt der Kinder. Isa stößt auf Zweifel und Ablehnung – nicht nur von Fremden, sondern auch von Erwachsenen, die ihr nahestehen. Im Gespräch wird deutlich, dass diese Situation den Kindern nicht unbekannt ist: eigene Wünsche zu haben, die nicht zu dem passen, was andere von einem erwarten.

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Die Geschichte eröffnet Raum für die Frage, wie viel Mut es braucht, den eigenen Vorstellungen zu folgen, auch wenn Widerspruch laut wird. Zugleich rückt das Miteinander in den Blick. Denn erst gemeinsam gelingt es der Besatzung, die Piraten in die Flucht zu schlagen. Mut erscheint hier nicht als individuelle Heldentat, sondern als etwas, das im Zusammenspiel entsteht und sich verstärkt.

 

Diese Gedanken greifen wir gemeinsam mit den Kindern im abschließenden Mut-Netz erneut auf. Aus Fäden entsteht ein gemeinsames Geflecht, das sichtbar machen soll, was zuvor im Gespräch angeklungen ist: Mut wächst, wenn man ihn teilt. Der Vormittag endet mit vielen offenen Fragen, aber auch mit der Erfahrung, dass eigene Ideen Raum brauchen – und andere, die sie mittragen.

 

Die »Gedankenflieger«-Veranstaltung in den Franckeschen Stiftungen war die erste Zusammenarbeit zwischen »Gedankenflieger« – Philosophieren mit Kindern des Standorts Halle/Leipzig und der Vermittlungsabteilung der Stiftungen. Für das seit vielen Jahren bestehende, bislang in der Region vor allem schulnah umgesetzte Projekt eröffnete sich damit ein neuer Rahmen: Philosophieren fand nicht im Klassenraum statt, sondern in historischen Räumen, zwischen Objekten, Ausblicken und Geschichten an einem Ort, der wegweisend für Chancen- und Bildungsgleichheit in seiner Zeit war.

 

Wiebke Fötsch