
9. Juli 2026
Philosophieren als Zukunftskompetenz
Ein Beitrag von Ina Schmidt.
Was machen Menschen eigentlich, wenn sie philosophieren? Was ist Philosophie, wer sagt das und warum? Und welche Voraussetzungen braucht es dafür? Diese Fragen sind so alt, wie die Philosophie selbst, die ihrem Wortlaut nach zunächst nichts anderes beschreibt als die Liebe bzw. Freundschaft zur Weisheit, wie sich das griechische Wort wohl am besten übersetzen lässt. Und im europäischen Raum ist die Suche nach Antworten entsprechend über 2000 Jahre alt und noch immer gibt es keine Eindeutigkeit. Wie kann aus so einer Suche und einem umfangreichen historischen Wissenskanon unterschiedlichster Denkschulen eine Zukunftskompetenz werden? Und was hat das Ganze mit Bildung zu tun?
Sehr viel, denn in der Kompetenz der begründeten und informierten Suche, die wir im eigenen Denken ausprägen, liegt genau das, was wir gegenwärtig als Zielsetzung politischer und kultureller Bildung formulieren, wenn wir nicht weniger als Persönlichkeitsbildung, Ausbildung von Resilienz oder die gemeinschaftliche Stärkung unserer Demokratie vor Augen haben.
In Zeiten, in denen Vieldeutigkeit, Multioptionalität und Polykrisen zu Eckpfeilern von globalen wie regionalen Weltbezügen geworden ist, geht es viel weniger darum, in linearen Denkmustern Eindeutigkeiten herzustellen, sondern sich auch als Individuum in fluiden und sich wandelnden Realitäten bewegen zu lernen, um die Welt enkelfähig zu machen und uns im Umgang mit verschiedenen Zukünften zu üben.
Und zwar von Anfang an.
Kinder in diesen Fähigkeiten zu bilden, braucht andere Zugänge und Methoden, als die der reinen Wissensvermittlung. Es geht nicht allein um abrufbare Informationen oder prüfungsrelevante Fakten, sondern um die Vermittlung besonderer Denkweisen, die zum Teil ungewohnt erscheinen, auch wenn sie es eigentlich nicht sind.
Das philosophische Denken geht von einer konstruktiven Fragwürdigkeit aus, etwas, das insbesondere Kinder ganz selbstverständlich beherrschen: neugieriges Staunen ist eine wichtige Ressource und kein Störfaktor innerhalb effizienter Lösungswege. Die Denkräume, die sich hier in Bildungskontexten öffnen lassen, sind eine Ergänzung, die die bereits bestehenden Skills und Kompetenzen bereichern und vertiefen: Um kritisches, begründetes Fragen, um die Fähigkeit, Probleme zu formulieren und sich in Unsicherheiten bewegen zu lernen. Um Dissonanzen und unterschiedliche Meinungen auszuhalten und darin kompromissfähig zu werden und sich in einer differenzierten Sprache mit anderen zu verständigen – auch und gerade im Kontext kultureller und sprachlicher Vielstimmigkeit, die im Schulalltag mittlerweile selbstverständlich ist.
Das Philosophieren ist hier also als ein gemeinsames Denken, als ein kollektives Tun zu verstehen, das gerade nicht davon lebt, philosophisches Wissen für Kinder aufzubereiten, sondern gemeinsam mit ihnen ein suchendes Denken zu kultivieren, das sich nicht ziellos im Raum der Assoziationen verfängt, sondern ebendiese zum Anlass nimmt, um sie denkend zu überprüfen. Die sogenannten »großen Fragen« sind hierbei ein Ausgangspunkt, der die Lebensthemen der Kinder ernst nimmt, und sie methodisch begleitet: Was ist Freundschaft? Wie geht Gerechtigkeit? Warum ist Freiheit wichtig? Und für wen? Was ist ein gutes Leben und was kann ich dafür tun?
Diese Fragen beschäftigen Kinder egal welchen Alters und eröffnen Räume, in denen sie lernen, zukunftsorientiert in einer »Forschungsgemeinschaft« auf die Suche nach Antworten zu gehen und sich darin überraschen zu lassen, wie facettenreich solche Räume gefüllt und gestaltet werden können.
Gerade in Zeiten, in denen wir wissen, dass wir auf neue Herausforderungen und sozialen wie technologischen Wandel nicht mit alten Denkweisen antworten können, geht es darum, solche Räume zu schaffen und darin Bilder und Vorstellungen für Zukünfte zu entwerfen, in denen auch unseren Kindern so etwas wie ein »gutes Leben« möglich sein wird. Und darin kann das Philosophieren eine große Hilfe sein.
Ina Schmidt