30. März 2025

»Bist du Löwe oder Maus?«

fragen Stefanie Segatz und Anne Jaspersen.

Mittwochmorgen, Anne Jaspersen ist angereist und im Team mit Stefanie Segatz geht es erneut an die Grundschule Ostertal, wo uns im großen Musikraum die Klassen 3b und 3c erwarten. Anne Jaspersen wird heute zum ersten Mal mit dem Buch »Der Löwe in dir« philosophieren, ich werde die bisher gesammelten Erfahrungen und Fragestellungen mit diesem neuen Titel vertiefen und modifizieren. Da nicht alle Kinder in den beiden Klassen gut Deutsch sprechen, moderieren wir gemeinsam und nehmen uns ausreichend Zeit; alle Kinder unterstützen sich gegenseitig, haben Geduld miteinander und übersetzen, wo nötig. Was jedoch alle verbindet: Jedes Kind kennt das Gefühl, mutig zu sein oder auch einmal ängstlich, und so können wir gleich Gedanken und Erfahrungen austauschen und auf unserem Plakat festhalten. Denn jeder Gedanke zählt!

 

Spielerisch geht es weiter: Anne hat bunte Tier-Haarreifen mitgebracht. So gibt es Reifen mit Hundeohren, Hasenlöffel, Elefantenohren, Tigerohren, Mäuseöhrchen, Zebralauschern und Giraffenhorcher. Die entsprechende Frage lautet: Welches Tier findest du mutig und warum? Denn mit jedem Tier verbindet jedes Kind ähnliche oder auch ganz andere Eigenschaften, und es ist wichtig, das eigene Denken begründen zu können.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und die Begründungen vielfältig. So wird nachvollziehbar, warum Alessia eine Maus mutig findet (»Sie hat so viele Feinde und findet immer gute Verstecke«) und Fatma einen Tiger (»Er hat scharfe Krallen und spitze Zähne und muss andere Tiere jagen«). Zum Abschluss können sich die Kinder eine gewagte Mutpose zum gewählten Tier auswählen. Als alle Kinder sich für ein Tier entschieden haben, geht es gemeinsam in die große Runde, um hier noch einmal in Bewegung die mutigsten Posen auszuprobieren. Auch Bewegung ist wichtig für das Denken und entspannt.

 

Nach einer kurzen Pause verdunkeln wir den Raum und lesen das Buch »Der Löwe in dir« vor. Die ausdruckstarken Bilder und eingängigen Reime machen Spaß und alle Kinder folgen der Geschichte mit Freude und innerer Anteilnahme. Die Aufgabe im »Gedankenflieger«-Magazin schließt mit der Frage »Wann bist du Löwe, wann bist du Maus?« direkt an das Buch an. Jedes Kind kann von Situationen malen oder schreiben, in denen es sich mutig gefühlt hat oder ängstlich war. Groß und mutig fühlt sich ein Mädchen, wenn sie etwas geschafft hat, »zum Beispiel beim Musical auf der Bühne stehen«, klein und ängstlich, wenn es um Matheunterricht geht. Ein anderer Junge fühlt sich klein und ängstlich, wenn er geschlagen oder geärgert wird, groß und mutig hingegen, wenn ihn jemand tröstet. Wir kommen überein, dass es nicht mutig ist, Schwächere zu ärgern oder körperlich zu drangsalieren. Dass auch Kinder, die selbstbewusst und mutig erscheinen, sich manchmal ängstlich und klein fühlen, ist eine wichtige Erkenntnis, und dass sie das in der Runde äußern, ist richtig mutig!

 

Beide Klassenlehrerinnen begleiteten die Gedankenflüge aufmerksam und unterstützend und zeigten selbst Mut, als sie frei davon berichteten, dass auch sie sich manchmal ängstlich und mutlos fühlen, z.B. wenn es darum geht, nach einer überstandenen Krankheit wieder in den Schuldienst zu treten. Wie gut, dass es hier so viele tolle Kinder gibt, die auch ihren Lehrerinnen Mut machen und deren wertvolle Arbeit so dankbar belohnen!

Mit den letzten beiden »Gedankenflügen« der diesjährigen Salzgitter-Tour wurde die Fünfziger-Marke geknackt; Frau Viering vom Literaturbüro Salzgitter hat mitgezählt: Genau einundfünfzig »Gedankenflieger«-Veranstaltungen an den unterschiedlichsten Schulen hat es mit dem heutigen Tag bereits in Salzgitter gegeben. Wow! Entsprechend WOW laufen auch die beiden vierten Klassen der Grundschule Lichtenberg zu Höchstformen auf.

Noch bevor die philosophische Frage »Was bedeutet Mut?« das erste Gespräch eröffnet, bemerkt Ali, dass in dem Wort »Philosophieren« nicht bloß die Namen Phil und Sophie mit ihrer grob übersetzten Bedeutung »Freunde der Weisheit« stecken, sondern auch der türkische Name »Eren«, der mit den Attributen tapfer, mutig und heilig in Verbindung gebracht wird. Das ist für die Referentinnen Stefanie Segatz und Anne Jaspersen genauso überraschend wie für alle anderen und bietet gleichzeitig eine hervorragende Überleitung zum Thema Mut.

 

»Mutig zu sein, ist immer auch ein Kampf mit den Gedanken.«

(Joshua, 9 Jahre)

 

Die eigene Angst zu überwinden, braucht Kraft. Aber wenn man mutig gewesen ist und etwas geschafft hat, was man sich lange nicht getraut hat, dann fühlt man sich zu recht schon ziemlich stolz. »Trotzdem sollte man damit nicht angeben«, findet Liona, denn sich mit den eigenen Erfolgen zu brüsten sei überhaupt nicht mutig.

Im Rahmen des von Stefanie mitgebrachten Kreiselspiels zum Buch »Tina hat Mut« von Tatia Nadareischwili wird darüber nachgedacht, ob Mut und Angst eigentlich Gegensätze sind oder im Umkehrschluss doch ziemlich eng beieinander liegen. Und ob es Mut ohne Angst überhaupt geben kann?

Diskutiert wird auch darüber, ob der Hund, der Tina durch die Geschichte begleitet, mutig ist, bzw. ob Tiere überhaupt mutig sein können.

 

»Ohne Mut kann man nicht leben.«

(Oday, 9 Jahre)

 

Anlässlich des Buchs »Der Löwe in dir« von Rachel Bright und Jim Field geht es in der nächsten Gruppe ebenfalls um Tiere, die möglicherweise mutig sein könnten. Dazu dürfen sich die Kinder vor der Lektüre einmal entweder in einen Löwen oder in eine Maus verwandeln, je nachdem, wo sie sich in punkto Mut selbst verorten würden. Ist eine Maus mutiger als ein Löwe? Oder umgekehrt? Dazu liegen ein großer Stofflöwe und eine kleine Stoffmaus auf dem Boden und die Kinder gesellen sich entsprechend ihrer Entscheidung zu ihrem persönlichen Muttier. Interessanterweise findet sich nur ein Kind beim großen, starken Löwen ein (wie mutig, dort alleine Stellung zu beziehen), den es aus den besagten Gründen ausgewählt hat. Alle anderen können sich eher mit einer mutigen Maus identifizieren, die blitzschnell abhauen kann, sich bei Gefahr in Ritzen und Löchern versteckt und ziemlich schlau ist.

 

Wie schön, dass zum Abschluss der Veranstaltungsreihe tolle Mutgedichte im nagelneuen Magazin entstehen, die nicht nur dazu anregen weiterzudenken, sondern auch weiterzudichten.

 

Ganz herzlichen Dank an Aneka Viering vom Literaturbüro der Stadt Salzgitter für die tolle Organisation und Begleitung vor Ort und natürlich auch an den Lions Club Salzgitter für die wunderbare Förderung.

 

Stefanie Segatz und Anne Jaspersen