Donnerstag, 05.11.2015

Brüel

Mit gutem Gefühl: Wir fahren nach Brüel. Alle Sinne sind auf Empfang, wenn wir beim gemeinsamen Philosophieren den Gedanken der Kinder vor Ort lauschen.

Die vorletzte Station der Gedankenflieger-Tour durch Mecklenburg führt uns nach Brüel, wo die Leiterin der Bibliothek an der Grundschule uns zum Philosophieren mit zwei vierten Klassen eingeladen hat. Weil es das Wetter erlaubt und die Sonne noch ein klein wenig wärmt, laden wir die Kinder ein, mit uns nicht nur die Gedanken in Bewegung zu bringen, sondern den Körper mitzunehmen und einen philosophischen Spaziergang zu machen, vorbei am Philomobil, das vor der Stadthalle gegenüber der Schule parkt.

»Heimat bedeutet für mich, ganz frei zu sein.«

Auf unserer Reise haben wir mit den Kindern immer wieder überlegt, wo sich sich zuhause fühlen und ob ein Zuhause auch anderswo sein könnte – ob sich ein Landkind in der Stadt wohlfühlen könnte und ob ein Stadtkind vielleicht manchmal gerne auf dem Land leben würde, wo vieles ganz anders ist, unbekannt und vielleicht sogar ein bisschen unheimlich. Spontan wollen die meisten Kinder ihr Zuhause nicht eintauschen.

Bereits zu Beginn unserer ersten Gesprächsrunde über Fremde und Heimat taucht an diesem Tag wieder das Thema Flüchtlinge auf, das die meisten Kinder, die wir auf der Tour bisher getroffen haben, gerade besonders zu bewegen scheint. Die meisten haben eine Vorstellung von Fluchtursachen, einige fühlen sich von Menschen mit anderer Hautfarbe und anderer Sprache verunsichert. Von den Kindern selbst kommt die Frage, wie es eigentlich möglich sein kann, dass Krieg ausbricht. Im nahegelegenen Park klettern sie auf ein Mahnmal für die Toten des ersten Weltkrieges aus Brüel und hören die Geschichte „Sechs Männer“. Wir überlegen, wer für Krieg verantwortlich ist und was man als Kind für ein friedliches Zusammenleben tun kann: „Man kann den Eltern sagen, dass sie wählen gehen sollen“, schlägt ein Kind vor. Denn alle sind sich einig, dass Krieg eigentlich Sache der Politik ist und dass es deshalb darauf ankommt, wen man dafür aussucht. Ehe wir wieder aufbrechen, lesen sie die Namen auf dem Mahnmal und stellen sich vor, wer die gefallenen Menschen wohl waren – Brüder? Söhne? Freunde? Cousins?

»Ich kann mich von Dingen trennen, wenn ich verstehe, warum.«

Mit der zweiten Gesprächsrunde gehen wir nach der Vorlesegeschichte »Zu verschenken« ebenfalls ins Freie. Es riecht nach Herbst und der Boden ist feucht. Wir schauen uns die Bäume an: Fast alle haben schon ihr Laub abgeworfen, ohne das sie im Frühling und im Sommer nicht hätten leben können. Jetzt brauchen sie es nicht mehr. Die schönsten Blätter nehmen wir mit nach oben in den Klassenraum und überlegen dort gemeinsam, welche Sachen den Kindern einmal wichtig waren und welche davon sie vielleicht hergeben würden. Diese Gegenstände notieren wir auf die gesammelten Blätter. Eine Menge Ideen kommen zusammen, meistens mit einem Vorschlag, wer die abgelegten Dinge gut gebrauchen könnte. Auch hier werden oft Menschen auf der Flucht genannt, von denen die Kinder wissen, dass sie nicht viel haben. Sie können sich vorstellen, Kleidung zu verschenken, Spielzeug und ein Fahrrad, »weil es wichtig ist, dass man rumkommt und sich alles anschauen kann, wenn man irgendwo fremd ist«.

Sollte jemals die Familie Josef zu Besuch nach Brüel kommen – an den Kindern dort hätten sie ihre helle Freude.

Unsere nächsten Termine

Im Herbst 2015 reist das Philomobil nach Mecklenburg-Vorpommern.